Ulvi Cemal Erkin
Aus dem Zyklus: Duyuşlar (Wahrnehmungen)
„Küçük çoban“
„Küçük Çoban“ bedeutet auf Türkisch „kleiner Hirte“.
Ulvi Cemal Erkin war ein Komponist in einer Zeit, in der Mustafa Kemal Atatürk die Türkei zu einer demokratischen Republik umgestaltete. In dieser Phase gab es einen starken Drang, die Gesellschaft zu modernisieren und zu verwestlichen, wobei gleichzeitig versucht wurde, die türkische Identität als Grundlage zu bewahren. Rückblickend kann man sagen, dass dieser Prozess nicht für alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen positiv war, insbesondere nicht für die Minderheiten im ehemals sehr vielfältigen Osmanischen Reich.
Erkin gehörte zur Gruppe der sogenannten „Türkischen Fünf“, ebenso wie Ahmet Adnan Saygun, von dem Clara später noch eine Etüde spielen wird. Diese Komponisten reisten durch verschiedene Regionen Anatoliens, besuchten Dörfer und sammelten Volksmelodien. Ihr Ziel war es zunächst, dieses musikalische Material zu bewahren, da es zuvor oft nicht systematisch festgehalten worden war. Anschließend bearbeiteten sie es im Stil der westlichen klassischen Musik – man könnte von einer „Neudeutung“ sprechen. Dieses Wissen ist wichtig, um die besondere Stellung der Türkei zu verstehen: ein Land zwischen Ost und West.
„Küçük Çoban“ stellt einen jungen Hirten dar – unschuldig, ruhig und etwas verträumt. Deshalb beginnen wir mit diesem Stück: Die gleichmäßige Pulse am Anfang wirkt beruhigend und soll das Publikum in einen entspannten, aufmerksamen Zustand versetzen.
- Ipek Atila
Ein kleiner Hirte, der in einer Kirche klingt. Dieses Werk gerade in einer Klosterkirche zu spielen, scheint alles in fast nichts. Die linke Hand, die nur einen einzigen Ton immer und immer wieder spielt.
Dieses Stück lässt mich am Anfang unseres Konzertes immer zu mir finden, es scheint eine Art stille Geburt zu sein. Man sucht dort Frieden und ein Inneres der eigenen neuen Welt.
Und wenn es dann am Ende erklingt, als letztes Stück, nun auf dem historischen Instrument, ist es für mich einer der emotionalsten Momente des Konzertes. Denn ich begreife, dass die Musik vielleicht vorbei ist, doch die Suche nie.
Und gleichzeitig bin ich mit dem, womit ich geboren wurde, dort angekommen, wo es sich richtig anfühlt.
Nämlich bei der singenden, sich in die Ferne sehnenden Stimme des jungen Hirten, der man sich oft selbst wünscht zu sein. Obwohl man genau das ist: in der Ferne.
- Clara Reinisch