Mendilimde Kan Sesleri
(Blutgeräusche auf meinem Taschentuch)
Man kommt überall hin.
Zu nichts kommt man zu spät – und doch:
Mein Kind, verzeih mir.
Ahmet Abi, verzeih auch du.
Wenn ich mit gesenktem Kopf dastehe,
dann nicht, weil mir gerade so danach ist.
Nein, ganz und gar nicht.
Ach, mein schöner Ahmet Abi,
der Mensch ähnelt dem Ort, an dem er lebt.
Dem Wasser dieses Ortes ähnelt er,
der Erde dieses Ortes.
Dem Fisch, der in seinem Wasser schwimmt,
der Blume, die seine Erde durchstößt.
Der nebligen Neigung seiner Berge und Hügel.
Er gleicht der weißen Weite von Konya,
der roten Ebene von Antep.
Er gleicht seinem Himmel –
dessen Tränen blau sind.
Er gleicht dem Meer –
dessen Blicke Wellen tragen.
Seinen Häusern gleicht er,
seinen Straßen,
seinen Straßenecken –
so sehr gleicht er ihnen.
Und seinen Höfen
(deren Herz von einem Brunnenring zusammengedrückt
ist).
Und seinen Worten
(vielleicht wie ein Handel mit einem kleinen Taschenspiegel).
Und einem Menschen,
der eines Tages nach einer Adresse fragt
und während des Fragens
ein trauriges Gesicht bekommt.
Dem Glaser, der Glas schneidet,
dem Schreiner, der den Hobel führt,
dem Anzünden einer Zigarette,
dem Zischen einer geöffneten Limonade.
Seinen Minibussen,
seinen Gecekondus,
seiner Sehnsucht,
seiner Lüge gleicht er.
Seine Erinnerung ist Arbeitslosigkeit.
Sein Schmerz ist Bewusstsein.
Sein Messer sind Tränen,
die gerade zu trocknen beginnen.
Du kannst nicht lachen –
doch Lachen heißt:
Wenn ein Volk lacht,
erst dann ist es Lachen.
Wie sehr wir der Türkei gleichen, Ahmet Abi.
Früher hattest du eine schöne Art,
ein Glas zu halten –
den Ellbogen auf den Stuhl gestützt.
„Einst war er am Himmel abgestützt“,
sagte ich immer.
Auf der Zigarettenschachtel
Schriften und Bilder.
Bilder: Gefängnisse.
Bilder: Sehnsucht.
Bilder: von früher.
Und eine Augenbraue leicht erhoben.
Dein Lieben – hastig.
Deine Freundschaft – schnell.
Ich sehe dich jetzt an:
Das Glas steht in deiner Hand
wie ein Fluch.
Und was ist Zeit überhaupt, Ahmet Abi?
Früher streiften wir
von Bahnhof zu Bahnhof.
Damals rochen die Bahnhöfe nach Malatya, nach Nazilli.
Und wenn der Edirne-Zug
vom Regen durchnässt war,
unter dem haarfeinen Istanbuler Regen,
dann war es,
als hättest du eine frau geliebt.
Und sie, Ahmet Abi,
schnitt dir aus der Ferne
Tomaten und Käse,
als würde sie deinen Tisch decken.
Sie legte ihre Hand,
wie man sie ins Wasser legt,
auf das, was aus deinem Herzen floss.
Würdest du ins Gefängnis kommen,
brächte sie dir deine Zigaretten.
Sie würde Kinder gebären.
Und sie würde
die Hände dieser Kinder –
die einst die Welt ordnen sollen –
wie eine feine Spitze besticken.
Diese Kinder werden wachsen.
Diese Kinder werden wachsen.
Diese Kinder ...
Stell dich nicht unwissend, Ahmet Abi.
Stupse die Hoffnung an.
Beruhige die Hoffnungslosigkeit.
Was ich sagen will:
Damals glichen die Züge
Dingen, die im Verschwinden waren.
Und doch sind sie heute
so nützlich.
Wir leben fast ohne Träume.
Kinder, Frauen, Männer.
Die Züge sind überfüllt –
Züge wie solche,
die an die Front fahren.
Arbeiter.
Arbeiter auf dem Weg nach Deutschland.
Frauen –
manche Reisende,
manche Wächterinnen der Fremde.
In ihren Händen
Koffer, Netztaschen,
Kölnisch Wasser, Wasserflaschen, Pakete.
Sie alle –
wie gefangene Bäume,
die an falschen Orten wachsen.
Ach, mein schöner Ahmet Abi,
siehst du?
Die Bahnhöfe gleichen jetzt
auseinandergefallenen Marktplätzen.
Und das Land
einem zerstreuten Markt.
Nicht einmal Traurigsein
kommt mir recht in den Sinn.
Und wenn doch,
dann nicht lange –
wie Jazzmusik
kommt die Traurigkeit und vergeht.
So schnell.
So kurz.
Gerade so.
Ahmet Abi, mein Schöner,
warum blutet ein Taschentuch?
Nicht von Zähnen,
nicht von Nägeln –
warum blutet ein Taschentuch?
In meinem Taschentuch
klingen Blutgeräusche.
- Edip Cansever (1974)
Ich glaube, die Frage, woher ich komme und wohin ich gehe, stellt sich mir am häufigsten auf Zugreisen. Wenn ich im Zug sitze, fühlt es sich an, als gäbe es Bewegung nur in eine Richtung—nach vorne. Und wenn man sein Ziel erreicht, kommt man an. Aber Ankommen bedeutet nicht immer, wirklich anzukommen.
Während die Landschaft vorbeizieht, frage ich mich, ob ich wirklich zu dem Ort gehöre, an dem ich geboren wurde, oder ob ich langsam von dem Ort geprägt werde, der mich jetzt umgibt. Lasse ich meine Wurzeln zurück, oder trage ich sie mit mir an mein Ziel? Werde ich zu etwas Neuem, oder entfalte ich nur, was schon in mir verwurzelt war?
Vielleicht bedeutet diese Zweiseitigkeit einfach, dass es keine Entscheidung zwischen dem einen oder dem anderen ist. Vielleicht kann man beides zugleich sein—an einem Ort verwurzelt und in einen anderen hineinwachsend.
Mit diesen Fragen im Kopf würde ich dieses Gedicht lesen.
Ipek Atila